Neuseeland - hoch zu Ross

Meine Reise zu den Sehnsuchtsinseln
 

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Farmleben 1.0

Mittlerweile sind drei Wochen seit meiner Ankunft vergangen. Ich weiß noch nicht ganz, was ich von alle dem halten soll. Die Landschaft ist ein Traum, viel Platz, wundervolle Aussicht und die Kiwis sind extrem freundlich. Blöd nur, dass meine Gastmutter kein Kiwi, sondern gebürtige Schweizerin ist. Ich bin hier zusammen mit Melina, einer „Leidensgenossin“ aus Deutschland. Ich muss zugeben, ich bin ziemlich froh, dass wir uns alle auch auf Deutsch verständigen können, allerdings gibt es selbst dabei sprachliche Probleme. So reden wir alle darüber, was es bei uns zu Fasching zum Essen gibt und kommen erst 1,5 Stunden später drauf, dass wir eigentlich alle dasselbe meinen…

Petra, meine Gastmutter, ist ein sehr praktischer Mensch und nimmt alles gern selbst in die Hand. So erzählte sie uns mal von einem Eber, der plötzlich im Garten stand. Folgende Aussage stelle man sich nun in Schweizer-Deutsch vor: „Da hab ich meine Knarre genommen und ihn abgeknallt…“ Zufälligerweise fanden wir ein paar Stunden später ein Possum im Schuppen. Wortlos ging Petra ins Haus und kam mit einem Gewehr wieder, das sie mir in die Hand drückte. Ich nehme an, das ist eine der vielen Prüfungen, die man hier als Nicht-Kiwi bestehen muss, ein Possum schießen, Schafe scheren und alles mit einem Draht reparieren können. Ich kann nur sagen, dass ich Ersteres von meiner Liste streichen kann, auch wenn die Viecher ganz schön zäh sind und ich drei Schüsse in den Kopf (ich möchte ja jetzt nicht mit meiner Zielgenauigkeit prahlen&hellip gebraucht habe. Danach, wie das hier so üblich ist, wurde das Possum auch gleich ausgenommen und zerlegt, da wird nichts verschwendet.


Was die Pferde angeht, so kam ich am Anfang überhaupt nicht damit zurecht. Mir wurde alles gezeigt, vom Halfter Anlegen, bis hin zum Führen und richtigen Loben. Ich kam mir echt bescheuert vor. Hier kann man so ziemlich alles vergessen, was man bisher gelernt hat. Die Pferde darf man keinesfalls mit den Beinen beim Reiten berühren (versuch da mal anzutreiben!!!), außer sie machen etwas falsch, da werden alle Gutmütigkeiten über Bord geworfen. Nur ist hier auch zwischen falsch und nicht richtig zu unterscheiden. Aufrechtes reiten, Zügelführung und was ich mir in den letzten 15 Jahren noch so alles an Basiswissen angeeignet habe, ist hier ganz anders. Ich musste also bei Null anfangen. Auf jeden Fall hab ich fast zu heulen begonnen,  als ich am ersten Tag das Pferd nicht einmal dazu bewegen konnte, Schritt zu gehen. Stattdessen wurde ich von ihm gebissen. Aber es ist auch echt schwer, locker zu lassen, wenn neben dir eine wütende Petra steht und dich anbrüllt, dass du dich entspannen sollst…

Nun ja, mittlerweile geht es besser und ich komm ganz gut klar am Pferd. Mit der Bodenarbeit klappt es noch nicht so. Die Trainingsmethoden widerstreben mir manchmal und teilweise sind Petras Anweisungen paradox, sodass ich mich bis heute nicht auskenne, was ich eigentlich wirklich zu tun habe. Aber es funktioniert. Meistens. Die Ausritte sind dafür ein Hammer. Bis vor wenigen Tagen war es noch untypisch kalt, da hat man vier oder fünf Schichten angehabt, noch dazu geht hier der Wind sehr stark. Blöd nur, wenn man nur einen einzigen Pullover dabei hat. Um sieben Uhr morgens am Meer ist es nämlich ganz schön windig. Allerdings hatte ich nach dem ersten Tag schon einen Sonnenbrand. Inzwischen habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, vom kurzen T-Shirt bis hin zu Bettsocken und Winterjacke alles bei mir zu haben. Das Wetter ändert sich hier nämlich irrsinnig schnell und noch dazu kommt man bei den Trekks ganz schön ins Schwitzen. Bei meinem ersten Farmride (ein Trek über die 20 ha große Farm, die nur aus steilen Hügeln besteht und bei dem man die Pferde führen muss) dachte ich schon, ich würde sterben. Nur jetzt versuch mal zu erklären, was ein „Lungenpotschn“ ist…  Aber dafür werde ich daheim zumindest sicherlich die Stufen in den zweiten Stock in die Wohnung ohne große Probleme erklimmen können.

Wir haben insgesamt 11 Pferde hier, zwei davon sind Wildpferde, der Rest wurde aus schlechter Haltung gerettet. So wurde bei einem z.B. durch einen Unfall die Wirbelsäule zusammengestaucht, sodass die einzelnen Wirbel hervorstanden. Ein anderes Pferd gewann knapp 700.000 Dollar bei einem Rennen, bis es ausgedient hatte und man es dermaßen vernachlässigte, dass die Abschwitzdecke mit der Haut verwachsen war. Wirklich reitbar sind nur sechs der elf Pferde, wobei die meisten Leute Probleme beim Reiten haben. Entweder gehen sie nicht weiter, bleiben nicht stehen oder haben die Pferde prinzipiell überhaupt nicht unter Kontrolle. Kann ich verstehen. Ich wäre am Anfang beim Farmride nicht mal selbst den Hügel hinunter gegangen, weil ich mir dachte, ich würde mich überschlagen und wenn ich am Gaul sitze, würden wir uns wahrscheinlich alle die Füße brechen. Allerdings ist es schon sehr cool, wenn man sich aufs Quad setzt und über die Farm düst, um die Pferde zu holen (nein, ich hab bis jetzt noch keinen Unfall gebaut!)


Einmal hatte ich ja fast einen Herzinfarkt, weil wir hier nur 40GB an Datenvolumen haben und am 15. bereits alles verbraucht war. Nur zwei Wochen ohne Skype geht gar nicht. Zum Glück konnten wir unlimitiert nachbestellen. Hätte ich Zeit, könnte ich jetzt sogar WoW zocken, aber es reicht ja, wenn ich mal an einem Samstag sechs Stunden lang mit meinem Freund telefoniere und teilweise nebenher noch Fenster putze und das Bad reinige…

Die beliebteste Frage, die immer an erster Stelle kommt: Wie ist das Essen in Neuseeland. Antwort: essbar. Wir machen uns das meiste selbst, weil wir ziemlich abgelegen wohnen. Brot backen wir selber, im Gemüsegarten ist alles, was wir brauchen und ansonsten wird alle drei Wochen ein Großeinkauf erledigt, sprich: 4 kg Butter, 2 kg Speck, 7 L Öl usw…Und da ist mir auch aufgefallen, dass die Kiwis sehr stolz auf ihr Land sein müssen. Überall steht Neuseeland drauf: "Made for NZ-sun", "New Zealand´s children and their favourite pets", "Kiwistamp" oder auch "New Zealand owned". Das würde man so wohl auh nirgends anders finden...(sollte ich vielleicht auch noch fotografisch festhalten...)

Nun eine Frage: Was ist schlimmer, als ein Wasser-Kakao? Ja, genau, Kakao mit Instant-Milchpulver! Das ist so dermaßen grauslich, ich hab bis jetzt keinen Kakao trinken können. Ich meine, wir haben hier Kühe, aber keine richtige Milch! Abgesehen davon gibt es hier fast alles in Pulverform, Verdünnungssaft, Joghurt, Salatdressings, Milch… Man glaubt es kaum. Dafür gibt es auch die Großpackungen Wein in Plastiktüten, von denen wir immer genug auf Lager haben müssen. Fisch gibt’s hier auch reichlich und zwar richtig guten!Oh und, übrigens haben wir hier auch frische Eier. Sie zu holen ist allerdings eine Herkulesaufgabe - wurde bereits von kampfwütigen Hühnern angegriffen (nicht lachen, ich hatte eine Fleischwunde deswegen! Man konnte sie sogar fast mit bloßem Auge erkennen!!!)

Wie gesagt, es ist hier echt verdammt schön. Nur muss man mit Petra auskommen, was nicht immer einfach ist. Einmal ist man extrem egoistisch und faul, im nächsten Moment total hilfsbereit und engagiert. Nachdem sie mir einmal ins Gesicht gesagt hat, dass ich nicht reiten kann und meine Pferde schlecht behandle, gab es einen riesigen Streit und ich war kurz davor, einfach zu gehen, weil das doch ein sehr sensibles Thema für mich ist. Allerdings raufen wir uns immer wieder zusammen und Melina und Petras Mitbewohner meinten, ich könnte noch am besten mit ihr umgehen. Nichtsdestotrotz habe ich mich entschieden, nicht so lange, wie ursprünglich geplant hier zu bleiben. Ab 15. Dezember bin ich nämlich alleine hier mit Petra und ich denke nicht, dass das gut gehen wird, weil ich mittlerweile keiner Konfrontation mehr aus dem Weg gehe und Durchhaltevermögen und Standhaftigkeit beweise. Das könnte ziemlich brenzlig werden.

In ein paar Wochen sollte mein Überlebenspaket mit, wie es hier genannt wird, Fressalien kommen (Dankeee!) Ich glaube, das kann ich sehr gut gebrauchen. Ab morgen sind wir 10 Tage lang fernab jeglicher Zivilisation am Exhibtion Bay, schlafen im Pferdeanhänger und müssen uns unser eigenes „Shit Place“ graben. Dafür soll es dort atemberaubend schön sein, weißer Sandstrand, türkises Meer und dann endlich auch mit den Pferden schwimmen.  Das heißt, ich kann mich in den nächsten zehn Tag bzw. bis 5. Oder  6. Dezember nicht melden. Ich versuche danach, mir öfter Zeit für den Blog zu nehmen, aber das ist leider gar nicht so einfach, weil wir meist um sechs Uhr früh aufstehen und erst zwischen neun und zehn Uhr abends essen.

So, ich hoffe, ich überlebe jetzt die zehn Tage. Petra wird echt von Stunde zu Stunde unausstehlicher, ich hoffe, das gibt sich, wenn wir wegfahren. Aber ich hab auch nicht wirklich Lust auf zehn Stunden Autofahrt. Also haltet mir die Daumen!

 

To be continued…


24.11.15 08:06

bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Mama (24.11.15 07:54)
Wieder einmal super geschrieben. Aber was anderes habe ich ja auch nicht erwartet. Ich hätte nur einen guten Tip für dich: Gib dieser Petra ja nicht die blog Adresse !!!!!! Gottseidank haben wir dich so erzogen, dass du sehr hart im "Nehmen" bist ! Dickes Bussi Deine Eltern


Peter (24.11.15 08:06)
Liebe Stephanie, auch mir gefallen deine Schilderungen. Ich wünsche dir die Kraft über den Dingen zu stehen und Petra so gut als möglich ausblenden zu können. Das Land und die Pferde stehen im Vordergrund und ich wünsche dir, dass du das richtig genießen kannst. Und, wie deine Mama schon schreibt, die Blog-Adresse sollte Petra nicht bekommen . Alles Gute für dich und die kommenden Tage, Peter


Bernhard (24.11.15 08:47)
Lieber Schatz,
Wieder einmal liest sich dein Blog wie ein Roman, bildhaft, detailreich und einfach grandios.

Wir haben schon ein paar mal auch über Petra geschrieben aber wie gesagt blende es aus und wenn was ist du sollst wissen ich bin immer für dich da um dich zu unterstützen genieße die Zeit ich liebe dich mein Schatz ❤


Oma (24.11.15 10:28)
hallo, Sonnenschein,
deine Schilderungen sind wie immer sehr lebensnah, sehr froh sind wir, dass du alles gut wegstecken kannst. Bist ja doch unser Kind, und eines lass dir gesagt sein, diese Petra kann dir gar nichts. Du kennst unser Motto: Kopf hoch und durch.
Für die kommenden Wochen wünschen wir dir alles Gute
Oma + Opa


(25.11.15 21:19)
Stephanie , alles was du dort erlebst und mit nach Hause nimmst das kann dir kein Mensch nehmen, auch wenn du manchmal nicht die alltàglichen Dinge wie zuhause machen kannst spontan, Pipi gehen oder duschen, so ein Sonnenuntergang oder das erlebnis mit den Tieren kann dir keiner nehmen!! Toll wie du das schaffst und weiterhin so positiv und lustig erzählst! Wir verfolgen deine Reise auch in Zukunft, alles liebe Uli und Kids

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